Interviews oder verschwendete Lebenszeit
Von Huskynarr

Zeit für ein Rant, denn ich habe das Gefühl Ghosting ist nun endgültig in der Gesellschaft angekommen. Während der hessische Rundfunk über das Bewerber Ghosting berichtet, habe ich in den letzten 15 Jahren es genau andersherum erlebt. Das Unternehmen ghosten.
Ghosting ist beim Dating schon lange etabliert, im persönlichen Kontakt etabliert sich das auch immer mehr, aber das dass ganze immer mehr auf das Business hinausläuft, stört mich in vielerlei Hinsicht. Wenn ein großes Unternehmen sich nicht mehr meldet, um Problemen mit der Presse auszuweichen, weiß man, das es Taktik ist. Wenn man aber bei Interviews regelmäßig "vergessen" wird, ist es nur noch grotesk.
Es ist verschwendete Lebenszeit, Zeit, die man einem anderen Menschen stiehlt. Das ist nur nicht respektlos und beleidigend, ich empfinde das als Diebstahl. So hatte ich in einer Woche nun zwei Interviews, in denen man mich einfach vergessen hat. Bereits bei meiner Ausbildung ist das bei ein und demselben Unternehmen mit knapp 40 Mitarbeitern dreimal passiert. Ich meine, wie schwer kann es sein, einem Bewerber klar zu kommunizieren, uns kam was dazwischen? Beim ersten Interview mit einer Firma erschien einfach niemand. Man meldete sich erst auf vielen Rückfragen mit der Antwort, die klassische Absage, dass die Stelle indessen besetzt sei und man sich bedanke. Das zweite Interview, bei dem vier Personen von der Firma erscheinen sollte, verlief noch spektakulärer. Eine Stunde nach dem Interview, nachdem ich bereits zwei E-Mails geschrieben habe und angerufen habe, kam nur plump ein neuer Termin. Keine Entschuldigung, keine Hintergrundinfo und noch nicht mal ein entgegenkommen, ob das für einen so in Ordnung ist. Noch kälter ist nur die Rechtsabteilung der Agentur für Arbeit.
Mein absoluter Favorit der letzten 10 Jahre bekommt aber natürlich einen eigenen Absatz. Das Unternehmen ist ein lokaler Hersteller von Bauteilen, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte. Bei dem habe ich mich und wurde ich bereits oft beworben. Das erste Mal 2008 zur Ausbildung. Die Antwort folgte prompt drei Jahre später 2011 mit einer Absage. Und ja, sie haben das intern erst 2011 erledigt. Es lag nicht an der Post. Bei einigen Interviews, teilte mir man mit, dass man ein durchaus interessanter Kandidat sei und dass man am Folgetag den Termin für das Folgeinterview bekäme. Ihr könnt euch sicherlich denken, was nicht passiert ist. Ebenso gab es einige Interviews, bei denen man eine Zusage erhielt und nie wieder was hörte, Interviews in denen man mich versetze und ganz skurrile Sachen wie, Interview soll mit Person A aus Abteilung A der Subfirma A geführt werden. Dann sitzt man im Interview und merkt, andere Subfirma, andere Position und ganz andere Menschen. Leider hat genau dieses Unternehmen so einen guten Ruf, dass man bei denen das Rosinen-Picken äußerst deutlich spürt.
Warum also sollte ich mir noch die Mühe machen, bei Unternehmen zu antworten? Ich erinnere mich noch an die Zeit meines Schulabschlusses, bei dem es hieß, ja du musst schon 1000 Bewerbungen schreiben bis man mal was findet. Wieso also sollte ein Bewerber sich nach dem Interview noch melden? In dem Beitrag geht es auch darum, dass Leute den Arbeitsvertrag unterschreiben und nicht zum ersten Arbeitstag erscheinen. Das ist wirklich absurd. Aber diese generelle Massenabfertigung und vor allem ohne Ablehnung ist einfach grotesk.
Schönreden von Arbeitsbedingungen
Aber die Arbeitgeber erlauben sich nicht nur zu ghosten, sondern auch zu blenden und schlechte Dinge schön zureden.
Bei einem Arbeitgeber habe ich auch erlebt, wie man alles positiv darstellte. Subventioniertes Kantinenessen, die Mitarbeiter lobten das Essen in den Himmel. Um euch gleich mal zu schocken, man musste selbst 10 € bezahlen und 3 € kamen als Subvention von der Firma drauf. 13 €. Was ich bekam, war ein billiges TK Schnitzel, mit fertigen Spätzle in einer Portion, die selbst im Krankenhaus als klein gilt.
Unternehmen bewerben gerne mit viel Teamwork und sehr viel Austausch. Das heißt eigentlich nur, man hat unnötig viele Meetings. Es kommt natürlich auf die Betonung an. Es gibt Unternehmen, die bieten Teambuilding Events an. Wenn aber ein Unternehmen schon sagt, man führe täglich Meetings (keine Dailys, sondern richtige Meetings) durch und Freitagabend sollte man schon bereit sein, mit den Kollegen was trinken zu gehen, dann ergibt sich dadurch schon ein starkes Bild.
Auch sehr beliebt ist, wenn man gesagt bekommt, dass man hier viel lernen kann, sollte entsprechend auch eine beachtliche Lernkurve haben und die Bereitschaft haben, auch in anderen Abteilungen im Notfall auszuhelfen. Fazit: Unterbesetzt und du bist der Arsch vom Dienst.
Im Privaten nicht anders
Klare Antworten und direkt zu kommunizieren fällt irgendwie zunehmend den Menschen schwer. Statt einfach zu sagen "Kein Interesse" oder "Nein danke", wird einfach nicht mehr geantwortet und ggfs. geblockt. Das ist insbesondere dann echt zermürbend, wenn man sich Sorgen macht oder Hoffnung hat.
Ghosting ist die schnelle, einfache und für einen persönlich angenehmste Variante "nein" zu sagen. Und wie wir gelernt haben, kann und sollte jede Situation, die als ein Nein interpretierbar ist, auch als nein wahrgenommen werden. Aber auch dann liegt man falsch.
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